Der Bankkunde, der Beratung suchte, hatte 2,5 Mio. Euro "flüssig", die er gut angelegt wissen wollte. Das Geld stammte entweder aus einer - bereits versteuerten - Erbschaft oder dem Verkauf einer Immobilie. Er hat ein eigenes, längst abbezahltes Häuschen bzw. eine Eigentumswohnung.

Im Alter von 65 Jahren wird eine Rentenversicherung fällig. Sie bespart der Kunde regelmäßig mit knapp 1.000 Euro im Monat. Nach aktueller Prognoserechnung des Versicherers kommen dabei 300.000 Euro Auszahlung oder Rente heraus.

Von seinem neuen Vermögensmanager "in spe" wünscht er sich ein exzellentes, defensives Portfolio. Das Vermögen soll erhalten bleiben.

Die jährlich zum Jahresende anfallenden Gewinne möchte unser Kunde abschöpfen und sich etwas gönnen: ein schickes Auto, eine Weltreise ... Natürlich nimmt er sich nur den Überschuss, der nach Kosten und Steuern übrig bleibt.

Unser Kunde hat eine ungefähre Ahnung, wie viel das sein soll. Schließlich weiß er, dass er bei einer Direktbank ca. 1,7 % auf Festgeld, 12 Monate festgelegt, erhält. Das sind jedes Jahr ungefähr 38.000 Euro "auf die Kralle". Davon gehen ca. 10.000 Euro Steuern ab. Bleiben also ca. 28.000 Euro übrig. Ein ordentlicher Betrag, der schon ein wenig Luxus zulässt.

Etwas riskieren

Doch da der Kunde auf das Geld nicht angewiesen ist, kann er ein bisschen was riskieren - in der Erwartung, dass dann auch regelmäßig deutlich mehr Cash für ihn am Jahresende herausspringt. 

Wenn es mal eine Verlustphase geben sollte, dann sollte dieser Verlust nach zwei, maximal drei Jahren wieder aufgeholt sein. Nach dieser Zeitspanne möchte unser Kunde seinen eingezahlten Betrag spätestens wieder auf dem Konto und dem Depot haben. Und erst dann wird er wieder über die nächste Reise nachdenken. 

Ein Verlust von maximal 10 % (absolut gerechnet, also: 225.000 Euro Rückgang) - das scheint ihm noch - wenn auch schwer - erträglich. Darüber hinaus darf der Verlust keinesfalls gehen. Das ist seine "rote Linie". 

Für 250.000 EUR - das sind rund 10 % des anzulegenden Vermögens - möchte unser Kunde aber wirklich was riskieren. Wenn er schon zu einer Bank geht, die mehr bieten will als Nullacht-Fünfzehn-Anlagen, dann, so hofft er, holt sie etwas aus dem Schatzkästlein, das nicht jeder x-beliebige Kunde angeboten bekommt. Oder sie nutzt ihre besondere Marktexpertise und präsentiert ihm ein Schnäppchen, eine tolle Einstiegsgelegenheit, das Resultat einer Marktanomalie. 

Nach etwa fünf Jahren möchte er sich über eine zweistellige Rendite - möglichst nach Steuern - freuen können. Ihm ist bewusst, dass er damit sogar eine Bruchlandung erleben kann und das Geld weg ist. Das wäre ärgerlich, aber er würde es hinnehmen. Klar: Die Chance sollte schon größer sein als das Risiko. 

Ganzheitlich beraten?

Ihm schwebt vor, dass dieser Vermögensteil komplett getrennt vom eigentlichen Vermögen gehalten und angelegt wird. 

Und natürlich interessiert die Private Banking Prüfinstanz, ob der Kunde ganzheitlich beraten wird.

  • Spricht die Bank oder der Vermögensverwalter auch Themen an, die sich weitergehend mit seiner persönlichen Situation beschäftigen?
  • Gibt es Nachkommen (Erben)? Hat der Kunde weiteres Vermögen?
  • Wie ist seine Einkommenssituation?
  • Passt seine Situation wirklich zu seinen Anlageüberlegungen?
  • Wie sieht die Altersversorgung aus, ist der Kunde tatsächlich abgesichert oder behauptet er es nur?

Fazit

Es war vornehmlich sauberes Handwerk, das die Vermögensberater zu vollbringen hatten. Standardberatung mit Schuss, sozusagen. Doch hatten wir in den vorherigen Jahren bereits häufig erfahren, dass Standardberatung und ein hoher Standard zweierlei Dinge im Private Banking sind. Ob sich daran etwas geändert hat?